In der Recherche und vor allem während des Schnittes der letzten Zeitgeschichte-Dokumentationen über Österreichs Regierungsgeschichte ist mir als Regisseurin die offenkundige Abwesenheit weiblicher Politikerinnen ganz schön gegen den Strich gegangen.
Ja, das war zu erwarten.
Ja, es sind zeithistorische Dokumentationen.
Ja, wir entwickeln uns weiter, haben in Österreich eine proklamierte 50:50-Regierung.
Seit diesem Jahr.

Und trotzdem: Die derzeit quasi minütlich übertragenen Corona-Pressekonferenzen der Regierungsspitze sind frauenfrei.
Bis vor wenigen Jahren waren Frauen in der Politik oder gar in der Regierung die Ausnahme.
Für eine sehr lange Zeit hatte mehr als 50 Prozent der Bevölkerung unseres Landes so gut wie kein direktes Mitspracherecht.
Als ich Stunden über Stunden zeitgeschichtliche Berichterstattung voller schwarzer Anzüge gesichtet habe, wurde mir erst so richtig bewusst, was das heisst.

Ich wäre damals nicht existent gewesen. Irrelevant.

Meine Großmutter, meine Urgroßmutter, deren Mutter…. Nicht existent, ihre Meinung irrelevant.
Jemand hat für sie, hat für mich die Zukunft gestaltet, der es niemals erlebt hat, dieses Irrelevant-sein.
Und so mitreissend ich den jungen Hannes Androsch in seinen frühen Parlamentsjahren auch fand; die ihn anhimmelnden jungen Frauen in ihren Minikleidern waren nur Staffage, Publikum, Requisiten.

Und mir wurde bei der Arbeit an den Archivbildern ganz komisch.
Ich spürte ein dumpfes, heiss waberndes Gefühl, einen Kloss im Bauch, eine Einsamkeit, eine sinnlos schwelende wortlose Wut ohne klares Ziel.

Es war das Gefühl, ausgeschlossen zu werden. Ein Gefühl der Ausgrenzung, das ich noch nie so bewusst erlebt hatte.
Ich – eine weiße, privilegierte, geborene CIS-Österreicherin ohne Migrationshintergrund.
Ich beschäftige mich schon lange mit Feminismus, Gleichberechtigung und führe leidenschaftliche Gespräche über Ungerechtigkeit. Ich weiß sehr genau, dass der Weg noch lang ist.

Aber ich habe es noch nie so gespürt.

„Das ist ja noch gar nicht so lange her!“

Die Gründung unserer Republik nach dem Krieg, der Staatsvertrag, der Wiederaufbau, die Gespräche, wie unser Land aussehen könnte und sollte – all das hat ohne Frauen stattgefunden. Hätte ich damals gelebt, hätte ich es mir von meinem potentiellen Politiker-Ehemann erzählen lassen können.
Aber niemals hätte ich selbst mitgestalten können.*

Ein widerliches Gefühl.

Doch warum spürte ich es jetzt? Warum nicht bei der Arbeit an einem meiner anderen zeithistorischen Filme? Viele haben sogar Frauen als Protagonistinnen. Frauen, die Wichtiges geleistet haben und meist kaum anerkannt worden sind.
Wo war meine glühende Übelkeit damals?

Ich glaube – und hoffe – dass es jetzt ganz einfach an der Zeit ist für eine Veränderung.

Me Too hat das vermeintlich klare Wasser aufgemischt und die trübe Suppe enthüllt, in der wir unsere eingebildete Girlpower-„Starke Frauen“-BrokenGlassCeiling-Pseudo-Gleichberechtigung nicht mehr finden konnten.

Und heute sind wir mitten im Auge des Orkans: im Vergrößerungsglas Covid-19, das alle sozialen Missstände so glasklar ans Tageslicht bringt, das die Ungleichheit der Geschlechter, der Arbeitsverteilung und die Huldigung des kapitalistischen Erfolgs ad absurdum führt.

Jetzt ist es soweit. Wir können nicht mehr zurück. Nicht mehr ins Trautes-Heim-Millenial-Neo-Biedermeier, nicht in die reine FPÖ-Kleinfamilienidylle. Nicht mehr in diese sinnlosen Diskussionen wer warum und wann welches Stück Stoff aufsetzen darf und warum zum Henker der Kopf eines fremden Mädchens irgendeinen biederen Parteipolitiker etwas angeht.

Denn so wie ich mit Grauen in die Anzugträger-Tage unserer Vergangenheit geblickt habe, so blicken derzeit noch viele in Österreich lebende Kinder auf unsere jetzige Regierung, weil sie sich dort nicht wiederfinden. Das wird anders werden müssen.
Hoffentlich werden Regierungen in jeder Hinsicht auch diverser.
Sodass sich eines – hoffentlich baldigen – Tages jede in Österreich lebende Frau, jeder nicht-binäre Mensch und jeder Mann egal welcher Herkunft, Religion, Nicht-Religion, Hautfarbe oder Ethnie repräsentiert fühlt.

Und hoffentlich werden wir in nicht allzu langer Zeit nicht nur völlig selbstverständlich eine sich selbst auch so bezeichnende Feministin als Frauenministerin haben – sogar vielleicht auch irgendwann gar keine dezidierte „Frauenministerin“ mehr brauchen.
Hoffentlich werden keine Tamponsteuern mehr gekürzt, nur um 5 Sekunden später zu einem Preisanstieg von Monatshygiene zu führen.
Hoffentlich werden die führenden Politikerinnen dann tatsächlich ganz zurecht erklären, sie hätten niemals Diskriminierung erfahren.
Weil es dann nämlich anders als im Jahr 2020 mehr als 19,2 % weibliche Führungskräfte in Österreichs höchsten Positionen geben wird.
Und das liegt nicht daran, dass Frauen heutzutage noch nicht verhandeln können oder kein Interesse an Führung haben, sie andere Voraussetzungen hätten als Männer, blablabla.
Das liegt daran, dass Frauen in Österreich überhaupt erst seit 1975 ohne Zustimmung ihres Mannes einen Job annehmen dürfen und erst seitdem nicht mehr der Mann als „Oberhaupt“ der Familie festgelegt war. Das ist nicht einmal ansatzweise eine Generation her.

Hoffentlich produziert in 50 Jahren jemand einen Film (oder ein TikTok?) über die aktuelle politische und gesellschaftliche Lage und wird zunächst amüsiert feststellen, wie rückständig wir doch waren, während wir meinten, wahnsinnig progressiv und aufgeschlossen zu sein mit unserer ersten 50:50-Quotenregierung, die keinen einzigen nicht-weissen Menschen beinhaltet.
Um kurz darauf eine Beklommenheit zu spüren, wenn klar wird, was das heisst:
Dass nämlich all die anderen Menschen nicht existierten in der Wahrnehmung der politischen Spitze.
Und dann wird dieser Mensch froh sein und sich sagen wie glücklich man sein kann, im Heute zu leben und nicht in diesen irren und wirren 2020ern.

Ziemlich viele „Hoffentlichs“.

Ja, ich weiss. Da sind wir noch nicht. Aber wir machen uns auf den Weg. Mit Hoffnung.
Und mit der glühenden Wut im Bauch, die uns antreibt, diese Hoffnung auch wahr werden zu lassen.

 

 

Und jaaaaa, ich weiß: Grete Rehor gab es und später auch einige weibliche Regierungsmitglieder.
Einzelne Vorreiterinnen sind aber nicht repräsentativ. Sie bildeten die Vorhut. Waren Pionierinnen zu einer Zeit, als Frauen noch nicht frei über ihr Leben entscheiden durften.